Inklusion feiern

Talente vor Ort: Gemeinde schafft Begegnung mit behindertem Künstler

„Alle Menschen sind bei uns willkommen“

Sehr interessiert zeigten sich die rund 40 Besucherinnen und Besucher des interaktiven Vortrags des Mundmalers Markus Kosta. Eingeladen hatte die evangelische Kirchengemeinde Riedlingen-Ertingen. Im Rahmen der Begegnungsreihe „Inklusion leben“ berichtete der bekannte Maler aus seinem Leben und führte seine Maltechnik live vor. Die Kirchengemeinde möchte mit der Reihe Begegnungsräume mit Menschen eröffnen, die mit einem Handicap leben und so deutlich machen, dass alle Menschen zur Gemeinde dazu gehören. Unterstützt wird das Projekt durch den Fonds „Inklusion leben“.

Der querschnittsgelähmte Kosta war mit seinem Assistenten angereist und beantwortete nach seinem Vortrag die vielen Fragen der Besucherinnen und Besucher. Ob der denn nach dem Unfall nicht mit seinem Schicksal gehadert hätte, wollte ein Mann wissen. Natürlich falle er wie andere auch manchmal „in ein Loch“, so Markus Kosta. Aber beim Rauskommen habe ihm immer jemand geholfen. Aber er finde auch, dass „alles von Gott gewollt“ sei. Auf die Frage nach seinen Wünschen sagte der Aquarell-Maler, dass er gerne einmal in einem großen Schiff an der Freiheitsstatue vorbei fahren würde. Auch wäre er gerne Vorstand des Vereins VDMFK, der weltweit Künstler mit Behinderungen unterstützt und bei dem auch Kosta selbst Mitglied ist.

Hinter dem Begegnungs-Projekt der Kirchengemeinde steckt Gerda Walter, die als Ehrenamtliche Beauftragte für das Thema Inklusion ist. „Alle sind zu den Veranstaltungen willkommen“, so Walter. „Besonders die Menschen, die sich sonst eher verkriechen möchten wegen ihrem Anders-Sein“. Themen sind dabei unter anderem „Leben mit Blindheit und Sehbehinderung“, „Leben mit Lähmung und Bewegungseinschränkung“ sowie „Leben mit Taubheit und Hörminderung“. Wichtig ist ihr, dass dabei Menschen, die mit einem Handicap leben, die Möglichkeit haben, gerade auch im kirchlichen Raum anderen „Betroffenen“ zu begegnen.


„Wie gut, dass Ihr das macht“

Interview mit Gerda Walter, die das Projekt aus der Taufe gehoben hat, über ihre Erfahrungen mit Inklusion leben

Frau Walter, was war Ihre zentrale Lernerfahrung?

Meine persönlich Lernerfahrung war, dass bei mir Ängste abgebaut wurden: wie geht man mit blinden Menschen um? Wie spreche ich „solche“ Menschen an? Das war für mich eine große Schwelle, die ich durch das Projekt überwinden konnte. Durch den persönlichen Kontakt konnte ich Fragen stellen und wir haben diese erörtert. Dadurch konnten meine Kontakt-Ängste abgebaut werden.

Was ist für Sie das wichtigste Ergebnis?

Dass es gelungen ist, in der Gemeinde diese Begegnungsmöglichkeiten mit Betroffenen zu organisieren. Ziel war, etwas über Behinderung zu erfahren und darüber, wie es den Menschen im Alltag, in ihrem Leben, geht. Dies konnten wir umsetzen. Das war für uns vor Ort ein erster, wichtiger Schritt. Dieser wurde mehr wahrgenommen, als vorher erwartet. Es war sehr hilfreich, Menschen mit Beeinträchtigung persönlich kennen zu lernen.

Was sagen die Teilnehmenden selbst, was sich für sie verändert hat?

Die Referenteninnen und Referenten mit Beeinträchtigung haben sich bedankt, dass alle so herzlich und unkompliziert waren. Sie haben sich sehr wohl und sehr gut gefühlt. Es gab für sie auch ein persönliches Rahmenprogramm mit einem gemeinsamen Abend- oder Mittagessen. Einzelne Menschen, die selbst betroffen sind, haben durch das Projekt ganz neu Kontakt zu unserer Kirchengemeinde gefunden. Das freut uns sehr.

Was konnten Sie alles erreichen?

Wir wollten eine direkte Begegnung mit  blind, gelähmten und gehörlosen Menschen  ermöglichen. Dafür haben wir jeweils einen Abendtermin gemacht und zusätzlich jedesmal die Konfirmanden eingebunden. Diese direkte Begegnung war für Jung und Alt sehr eindrücklich. Beim nächsten Mal würde ich das Thema Inklusion weiter fassen wollen, das heißt mehr als die drei Themen Sehen, Hören und Bewegen anbieten. Gerne würde ich die Themen durch passende Geschichten für Grundschulkinder einbringen.

Wie ist das Projekt im Rahmen der Kirchengemeinde angekommen?

In der Kirchengemeinde und in der Öffentlichkeit wurde das Thema gut wahrgenommen. Nach den ersten zwei Veranstaltungen war das Projekt sehr bekannt. Leider konnte die dritte Veranstaltungsreihe noch nicht umgesetzt werden. Es hat viel Interesse geweckt. Viele sagten: „Wie gut, dass ihr das macht.“ Es wurde sehr positiv aufgenommen. Vereinzelt habe ich auch das Gefühl, dass etwas bei den Haltungen und Einstellungen der Menschen in Bewegung gekommen ist. Sogar sehr selbstkritisch und intensiv. Viele Menschen waren dankbar für die offene, respektvolle Auseinandersetzung.

Wie geht das Projekt nach der Förderung jetzt weiter?

Wir wollen noch andere so genannte „Randgruppen“ mit einbeziehen, beispielsweise geflüchtete Menschen. Wir haben vor, den Gottesdienste auch mal in „leichter Sprache“ zu feiern. Bei uns in Riedlingen gibt es viele so genannte „Russlanddeutsche“. Diese wollen wir noch besser ansprechen. Wir haben eben noch gar nicht alles verwirklicht, was an Ideen da ist.

Was braucht es Ihrer Meinung nach, damit Inklusion in Ihrer Kirchengemeinde in Zukunft noch mehr gelebt wird? 

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die wenigsten der selbst betroffenen Menschen in den normalen Gottesdienst kommen. Ich glaube, wir müssen immer wieder neue, offene Angebote machen, von denen sich alle Menschen angesprochen fühlen. Menschen mit Einschränkungen haben oftmals Scheu, sie wollen keine Umstände machen und auch nicht auffallen.

Wer steckt hinter „Inklusion leben“?

Haben Sie die Projekte angesprochen und suchen Sie das passende Netzwerk?