Gut begleitet

Gemeinsam aufwachsen: Sehbehinderte Kinder in Kita

„Inklusion gelingt, wenn alle dazu gehören“

In Mergelstetten wachsen im evangelischen Gemeindehaus Kinder mit und ohne Behinderungen gemeinsam auf

Jetzt sind sie ins Gemeindehauses der evangelischen Kirchengemeinde Mergelstetten eingezogen: sechs sehbehinderte und blinde Kinder des Schulkindergartens der „Nikolauspflege“. Stück für Stück sollen sie zusammenwachsen mit den Kindern der Kindertagesstätte „Pusteblume“ in den Räumen über ihnen. Seit Mitte September ist Melih Cerit während seines freiwilligen sozialen Jahrs (FSJ)die Brücke zwischen den Kindern mit und ohne Behinderung. Bezahlt wird er mit Geldern des Fonds „Inklusion leben“ von Evangelischer Landeskirche und ihrer Diakonie. Im Rahmen eines „Tags der Begegnung“ übergab Dieter Kaufmann, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Württemberg einen Scheck.

Über drei Jahre hinweg sollen junge Menschen im FSJ helfen, dass die Kinder aus den beiden Einrichtungen gut zusammen wachsen. Dazu stehen rund 28.000 Euro aus dem Fonds „Inklusion leben“ zur Verfügung, der mit insgesamt 2,1 Millionen gefüllt ist. Unterstützt wird mit dem Geld nicht nur eine ungewöhnliche inklusive Kooperation zwischen einer evangelischen Kirchengemeinde und einer diakonischen Einrichtung. Die Förderung soll auch dazu beitragen, dass sich Kirchengemeinden verändern und stärker auch diakonische Einrichtungen werden.

Melih Cerit ist für die Pusteblume-Leiterin Sabine Böttner eine Idealbesetzung für das gelingende Zusammenwachsen der beiden Einrichtungen.  Denn der 18-jährige, der gerade seine Fachhochschulreife abgeschlossen hat, hat großes Interesse an sozialen Berufen, und möchte wissen, „wie es wirklich ist“. Schon nach den ersten Tagen stellt er fest: „Das ist viel anstrengender, als ich es mir vorgestellt habe. Aber es macht auch viel mehr Spaß als ich gedacht habe“.  Im Moment muss im frisch umgebauten Haus noch viel mithelfen und auch mal ein Bild aufhängen. Zwischendrin gibt es aber viel Zeit, die behinderten Kinder im Schulkindergarten zu besuchen und Bekanntschaften zu schließen. „Ich hätte nicht gedacht, dass die Kinder so offen sind“, hat er festgestellt. Zwar sei es nicht einfach gewesen in den ersten Tagen, mit den Kindern zu kommunizieren. „Aber sie sind ganz besonders warm und herzlich, freuen sich, wenn man zu ihnen runter kommt“. Schon jetzt ist er sich sicher: „Später  möchte ich auf jeden Fall einen sozialen Beruf ergreifen“.

 „Der heilige Geist will euch Ideen geben, wie ihr gut miteinander leben könnt“, sagte Dieter Kaufmann bei seiner Ansprache im Rahmen des Erntedank-Gottesdienstes in der evangelischen Kirche Mergelstetten. „Und zwar unabhängig davon, was jemand kann und was er nicht kann“. Denn unsere Gesellschaft lebe davon, „dass man einander achtet und füreinander da ist“. Der Oberkirchenrat machte deutlich, dass „Inklusion dann gelingt, wenn alle dazu gehören, egal ob sie am Rand oder auf der Flucht sind oder keine Wohnung haben“.

Frank Rosenkranz, Leiter des Diakonischen Werks Heidenheim, freute sich über die „gelebte Diakonie“, indem die Kirchengemeinde ihr Haus öffnet „für jemanden, der lange auf der Suche war nach einer Herberge“. Es sei nicht leicht gewesen für die Nikolauspflege, im Raum Heidenheim einen geeigneten Partner für den Schulkindergarten zu finden. „Und für die Gemeinde war es wirklich ein Opfer, Räume herzugeben“. Deshalb zeigte er sich zuversichtlich, „dass sich damit die Gemeinde verändern wird und dies auch auf andere ausstrahlt“.

Der frühere Leiter der Stiftung Nikolauspflege, Dieter Feser, zeigte sich dankbar darüber, dass die von seiner Einrichtung betreuten Kinder im Gemeindehaus einen Platz gefunden haben. „Ich kann ihnen versichern, dass auch sie als Kirchengemeinde ganz viel bekommen von den sehbehinderten Kindern“, versicherte er. „Weil sie andere Stärken haben und es zu Begegnungen kommt, bei denen niemand Angst hat“. Als Vertreter des Mergelstetter Kirchengemeinderats machte Christoph Winter deutlich, dass man froh sei, „dass die Nikolauspflege nicht nur Mieter sein, sondern Teil der Gemeinde werden will“.

„In diesen drei Jahren hat sich gezeigt, dass die gemeinsame Erziehung von behinderten und nichtbehinderten Kindern alles andere als selbstverständlich ist“

Kita-Kooperation-Mergelstetten-Gottesdienst
Kita-Kooperation-Mergelstetten-Gottesdienst

„Hemmschwellen und Barrieren konnten abgebaut werden“

Bericht über die Kooperation von Monika Hornung, Leitung frühkindlich-vorschulischer Bereich der Nikolauspflege, Königin-Olga-Schule

„Die Kooperation zwischen den beiden Kindergärten begann im September 2017 nach dem Umzug des Schulkindergartens der Nikolauspflege in die hierfür von der Kirchengemeinde umgebauten Räume im Untergeschoss des Gebäudes in der Carl-Schwenk-Str. 20, Heidenheim-Mergelstetten. Die Grundlage der Kooperation ist die Kooperationsvereinbarung zwischen der Ev. Kindertagesstätte Pusteblume und dem Schulkindergarten, Nikolauspflege, Königin-Olga-Schule. Einer der Leitgedanken der Kooperationsvereinbarung ist, dass sich Kinder mit und ohne Behinderung begegnen. Dieser Leitgedanke wurde in den ersten drei Jahren konsequent mit Leben gefüllt:

Von Beginn an gab es

  • Gegenseitige Besuche von Kindern beider Kindergärten zu bestimmten Aktivitäten, z.B. dem Morgenkreis.
  • Eine gemeinsame Spielgruppe unter Anleitung einer blindenpädagogischen Fachkraft von blinden und sehbehinderten Kindern mit Kindern des Regelkindergartens.
  • Gemeinsame Begegnungen im Garten.
  • Teilnahme einzelner Kinder des Schulkindergartens an Sportförder- oder Sprachförderangeboten der Pusteblume.
  • Gemeinsam gefeierte Feste im Jahreslauf wie Laternenfest, Fasching, Muttertag, Oma-Opa Nachmittag, Sommerfest.
  • Ein Gemeindefest der Kirchengemeinde, mit Beteiligung der Pusteblume und des Schulkindergartens der Nikolauspflege
  • Von Anfang an nahmen Kinder der Pusteblume am Angebot „Singen, Bewegen, Sprechen“ teil, welches die Sprachförderkraft der Nikolauspflege federführend vorbereitet und durchführt.
  • Seit 2018 hat sich einmal wöchentlich ein festes Angebot in den Räumen der Nikolauspflege etabliert, bei welchem Kinder des Schulkindergartens und der Pusteblume zusammen tanzen.
  • 2019 sind die Vorschulkinder der Pusteblume und des Schulkindergartens zusammen gleich bei mehreren Angeboten aktiv: Es gibt gemeinsame Morgenkreise, eine gemeinsame Spielgruppe in den Räumen der Pusteblume und die Vorschulkinder nehmen wöchentlich zusammen am „Bildungshaus“ teil, das ist eine Kooperation mit der Silcherschule Mergelstetten.

Kita-Kooperation-Mergelstetten
Kita-Kooperation-Mergelstetten

Es gibt in beiden Einrichtungen einen Ansprechpartner für die Kooperation und auch die Leitungen der beiden Einrichtungen arbeiten diesbezüglich eng zusammen. Neben wechselseitigen Hospitationen der Kolleg*innen finden auch gemeinsame Teamsitzungen statt, in welchen die gemeinsamen Angebote evaluiert, weiterentwickelt und den individuellen Bedürfnissen der Kinder angepasst werden. Hierzu dienen auch regelmäßige Treffen der Leitungen mit Pfr. Kammer als Vertreter des Trägers des Kindergartens Pusteblume.

Dieses bereichernde Miteinander wurde vor allem durch eine gemeinsame FSJ möglich, welche mit Hilfe des Aktionsplans „Inklusion leben“ des Diakonischen Werkes für die ersten drei Jahre finanziert wurde. Durch sie konnten für die Fachkräfte die nötigen Freiräume geschaffen werden, um die vielen Aktivitäten zwischen den Kindern zu entwickeln und kompetent zu begleiten.

Auch für die kommenden Jahre haben die Erzieherinnen viele Ideen: Das unkompliziertes Spielen während der Freispielzeit kann und soll noch ausgebaut werden, ebenso wie gemeinsame Spielzeiten unter Anleitung der pädagogischen Fachkräfte. Gegebenenfalls müssen hierzu die Zeiten beider Kindergärten im Tagesablauf einander angeglichen werden. Dies wäre der erste Schritt zu einem gemeinsamen Konzept der gemeinsamen Erziehung und gemeinsamen Planung.

Auch mehr gemeinsame Aktivitäten der Eltern beider Kindergärten wäre ein Schritt in diese Richtung. Es hat sich gezeigt, dass die Leitgedanken des Kooperationsvertrages zwischen den beiden Einrichtungen mit Leben gefüllt werden konnten. Es wurde normal, sich zu begegnen und die Kinder beider Einrichtungen profitierten von diesen Begegnungen. Hemmschwellen und Barrieren konnten abgebaut werden. In diesen drei Starterjahren hat sich aber auch gezeigt, dass die gemeinsame Erziehung von behinderten und nichtbehinderten Kindern alles andere als selbstverständlich ist. Es gibt unterschiedliche Formen der Kontaktaufnahme zwischen Kindern mit und ohne Beeinträchtigungen. Es wurde deutlich, dass es einer differenzierten pädagogischen Planung und zeitlich-räumlichen Organisation bedarf, um zu kooperativen Spielformen zu kommen. Wirkliche Inklusion erfordert beharrliche Bemühungen um eine Weiterentwicklung pädagogischer Grundhaltungen, personelle Ausstattung und pädagogischer Konzepte.

Ohne die weitere Unterstützung durch eine gemeinsame FSJ würden eben diese Freiräume beschnitten, die eine kontinuierliche Weiterentwicklung des gemeinsamen Miteinanders erst ermöglichen. Es hat sich in den letzten drei Jahren gezeigt, dass die knappen personellen Ressourcen, mit welchen vor allem die Kindertagesstätte Pusteblume zurechtkommen musste, schnell durch Alltagsschwierigkeiten wie z.B. unvorhergesehen lange Erkrankungen von Mitarbeitenden ausgeschöpft sind. Auch reicht es nicht, nur Anlässe zu schaffen, zu welchen sich die Kinder begegnen können, sondern die Kinder müssen begleitet und angeregt werden, um in ein gemeinsames Spiel zu kommen“.

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