Diakonische Gemeinde

Seelenschmaus: Kultur und Essen in der Kirche

„Schön zu sehen, wie hier in relativ kurzer Zeit Beziehungen entstanden sind“

Das Projekt „Seelenschmaus“ ist ein Kooperationsprojekt zwischen den zwei innerstädtischen Gemeinden Kilian und Nikolai sowie dem Kreisdiakonieverband Heilbronn und der Aufbaugilde. Es besteht seit Sommer 2017. Das ganze Jahr gibt es in der Kirche Dienstags und Donnerstags für rund zwei Euro Mittagessen, Kultur und Begegnung. Dienstags kommen bekannte Heilbronner Persönlichkeiten, die einen Text vortragen, der ihnen selbst Kraft gibt. Im Anschluss sprechen Pfarrerin oder Pfarrer Marschall ein Tischgebet und man sitzt miteinander am Tisch. Beim Essen und danach gibt es die Möglichkeit für seelsorgerliche Gespräche und den Austausch untereinander. Donnerstags gibt es neben dem Essen und den Tischgesprächen, Livemusik am Klavier.

Stärkung für Körper und Seele

Das Projekt geht aus einer früheren Arbeit hervor, der „Mittagsbegegnung“. In der Nikolaikirche wurde in Kooperation mit der Aufbaugilde eine Suppenküche für obdachlose Menschen eingerichtet. Die Zielgruppe wurde aber nicht erreicht, weswegen das Essen ganz allgemein den „Stadt-Armen“ zugutekommen sollte. Einzig eine kleine Gruppe von Senioren (5-7 Personen) kam regelmäßig zum Mittagessen. In der Kirche wirkten diese wenigen Gäste verloren, und die Atmosphäre war eher schlecht. Ziel der Neubelebung war, einen Essenstreff als Stärkung für Körper und Seele anzubieten, indem der Kirchenraum als „predigender Raum“ durch weitere geistliche Elementen bewusst einbezogen wird. Dadurch sollten mehr und vor allem unterschiedliche Gäste erreicht werden und somit eine „Wohlfühlatmosphäre“ geschaffen werden.

Persönliche Einladung an finanziell gut gestellte Gemeindeglieder

Die Förderung durch den Fonds „Inklusion leben“ gab die Möglichkeit, das Projekt „Seelenschmaus“ umzusetzen. Zunächst kümmerte sich das Pfarrers-Ehepaar Marschall um eine gute Öffentlichkeitsarbeit: Flyer gingen in alle Haushalten der Innenstadt Heilbronn gemeinsam mit einem Gutscheinkärtchen für ein Essen. Die bekannten Heilbronner Lesepaten trugen ihren Teil zur größeren Bekanntheit unseres Projekts bei.

Da ein wichtiges Ziel des Projekts war, finanziell gut gestellte Gemeindeglieder mit den „Stadt-Armen“ zusammenzubringen, war ein weiterer wichtiger Punkt die Werbung in der Kirchengemeinde selbst. Wichtig war hierbei vor allem die Brücke über die Gemeindepfarrer. „Da wir verlässlich beim Seelenschmaus da sind, lassen sich Gemeindeglieder durch uns gerne persönlich einladen. Eine ähnliche Funktion übernehmen auch die Lesepaten“, so Pfarrer Marschall.

Auch jüngere Menschen erreichen

Nachdem der Seelenschmaus ein Jahr lang recht erfolgreich lief und die Besucherzahlen auf 20 bis 30 Personen erhöht werden konnte, stellte man 2018 einen erneuten Antrag beim Fonds Inklusion leben und nahm einige Änderungen vor: So hatte sich gezeigt, dass die Pfarrer die Organisation – beispielsweise die Gewinnung von Lesepaten – nicht alleine schaffen können. Daher wurden für die Pfarramtssekretärin zusätzlich drei Stunden für das Projekt geschaffen. Außerdem hatte sich gezeigt, dass es neben den vier Ehrenamtlichen eine weiter Person braucht, die sich um den Aufbau, das Kassieren und ähnliches kümmert. Diese Person sollte an beiden Tagen die gleiche sein und das Team zusammenhalten. Um das zu erreichen, brauchte es hier eine Bezahlung auf Basis einer geringfügigen Beschäftigung. Zudem haben die Marschalls versucht, über die Einbeziehung von Kindergärten und Religionsklassen auch jüngere Personen zu erreichen.

Wichtige Maßnahmen sind für Pfarrer Marschall auch „die Gemeindeprojekte, die wir ergänzend zum Seelenschmaus mit gleicher Richtung betreiben“: Jede Woche Mittwochs das Nikolai-Café mit preisgünstigem Kaffee und Kuchen und einmal die Woche Livemusik. Viermal im Jahr gibt es zusammen mit der Aufbaugilde in der Nikolaikirche Vorträge oder Gottesdienste zu Themen wie Langzeitarbeitslosigkeit, Wohnungsnot oder auch „Reicht Hartz 4 zum Leben?“. Außerdem konnte über das so genannte „Flex-3-Paket“ der Evangelischen Landeskirche in Württemberg eine halbe Diakonenstelle für die Innenstadtgemeinden Nikolai und Frieden für eine aufsuchende Arbeit der von Kirche und von der Gesellschaft „abgehängten Menschen“ ausgeschrieben werden.

Auf Ehrenamtliche warten anspruchsvolle Tätigkeiten

„Eine unserer Besucherinnen hat sich zur ehrenamtlichen Mitarbeit entschieden“, freut sich Marschall. „Die Aufgabe strukturiert ihre Woche und gibt ihr ein enormes Selbstwertgefühl“. Nach seiner Erfahrung wird das Ehrenamt für finanziell schlecht gestellte Menschen bisher unterschätzt. „Allerdings erleben wir die Tätigkeit der Ehrenamtlichen auch als sehr herausfordernd“. So sei die ehrenamtliche Arbeit vom Zeitumfang, von der körperlich schweren Arbeit (schwere Wärmebehälter schleppen und von Hand abwaschen) und den emotionalen Anforderungen (Gespräche mit Menschen in Extremsituationen des Lebens) nicht zu unterschätzen. „Wie wir unsere Ehrenamtlichen für diese Aufgaben gut wappnen können und ihr Engagement angemessen wertschätzen können, ist noch eine offene Frage“.

Wichtig für das Projekt ist nach Meinung des Pfarrers der regelmäßige, verlässliche Kontakt zwischen den Besuchern und dem Team der Ehrenamtlichen. „Es ist schön zu sehen, dass hier in relativ kurzer Zeit Beziehungen entstanden sind“. Die Besucher nehmen das Gesprächsangebot mit den Seelsorgern aber auch mit den Ehrenamtlichen des Teams gerne wahr. „Wir hören immer wieder, wie gut es ihnen tut, einfach mal reden zu können“. Auch zwischen den Besuchern sind Beziehungen entstanden, die über das Treffen beim Seelenschmaus hinausreichen. So ist das Angebot in der Nikolaikirche für einige ein nachbarschaftlicher Treffpunkt, wo sie Gemeinschaft erleben und voneinander erfährt.

„Highlights sind für uns auch Situationen, wenn ein konkretes Problem wie etwa die Wohnungssuche oder Probleme mit Behörden auf kurzem Wege im Gespräch mit den Lesepaten gelöst werden können“, so Pfarrer Marschall. Das habe man immer wieder erlebt. Der Besuch der Lesepaten ist für einige auch eine Möglichkeit mit „der Gesellschaft“ wieder in Kontakt zu kommen und über die eigenen Bedürfnisse sprechen zu können. 

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