Diakonische Gemeinde

Engagement mit Handicap: Kirche vor Ort mitgestalten

Eine Kirchengemeinde entdeckt die Vielfalt

Menschen mit Behinderung engagieren sich ehrenamtlich in der evangelischen Kirchengemeinde Münsingen

Das Projekt „Vielfalt entdecken“ unterstützte drei Jahre lang Menschen mit Behinderungserfahrungen dabei, sich ehrenamtlich in der Kirchengemeinde zu engagieren. Ausgangspunkt war, Menschen mit Behinderung nicht – wie leider so oft – über ihre vermeintlichen Defizite, sondern über ihre Gaben wahrzunehmen. Dies ist im Rahmen des Projektes gut gelungen: Anhand ihrer besonderen Fähigkeiten fanden sie Tätigkeitsfelder in der Gemeinde, die zu ihren Interessen passen. Durch das gemeinsame Tun entstand ein selbstverständliches Miteinander in der Gemeinde. Etwaige Ängste und Vorurteile wurden abgebaut, und es entwickelte sich ein Blick auf das, was die Menschen mitbringen und weg davon, was sie schwächt. Die einzige Voraussetzung war, dass jemand Lust hatte, sich für die Kirchengemeinde einzubringen.

Zur Begleitung des Engagement-Projektes konnte die Kirchengemeinde mit Unterstützung des Fonds „Inklusion leben“ über drei Jahre lang die Sozialpädagogin Annika Randecker in Teilzeit anstellen. Der Vorteil: Frau Randecker arbeitet im Sozialdienst in den Münsinger Werkstätten der Samariterstiftung. Hier sind auch die Engagierten tätig – und man kennt sich bereits über längere Zeit. In den drei Jahren ist es gelungen Veränderungsprozesse anzustoßen- Sechs Menschen mit Behinderung sind nun regelmäßig in der Gemeinde aktiv. Einige Weitere engagieren sich von Zeit zu Zeit. Nach Beendigung des Projektes werden sie jetzt von ehrenamtlichen Paten der Kirchengemeinde begleitet, wie beispielsweise der Mesnerin.

Inklusionsprojekt Münsingen
Inklusionsprojekt Münsingen

Zum Projektende hat die Projektleiterin die Beteiligten gefragt, was sich in diesen drei Jahren verändert hat.

  • Philipp Kuhn, ein ehrenamtlich Engagierter berichtet: „Ich wohne in Münsingen im Brombeerweg, einem Wohnheim der Samariterstiftung. Seit dem Inklusionsprojekt helfe ich, die Gemeindebriefe auszutragen, das macht mir Spaß. Noch viel mehr Spaß macht mir aber, dass ich nun von der Kirchengemeinde auch wichtige Dokumente schreddern darf. Beim Gemeindebriefe-Austragen könnte ich nicht mehr machen, beim Schreddern schon. Da freue ich mich noch sehr über neue Aufträge“ (Anfragen für Schredderaufträge können gerne an die Werkstattleitung der Samariterstiftung, britta.lucas@samariterstiftung.de gerichtet werden)-
  • Ähnlich sieht das Magdalena Schlenker, auch sie ehrenamtlich engagiert: „Ich arbeite bei der Mesnerin der Martinskirche mit. Das ist eine wichtige Aufgabe, denn gemeinsam sorgen wir dafür, dass die Gäste sich wohl fühlen in der Kirche. Weihnachten mag ich am liebsten. Da darf ich die Krippe aufbauen helfen und mit Stefan Lust ein Orgel-Saxophon-Duett spielen. Dass alles macht mir viel zu sehr Spaß und ich bin froh, dass ich das weitermachen kann, auch wenn Annika nächstes Jahr nicht mehr für die Kirche arbeitet.“

Die Nachhaltigkeit des Projektes ist dadurch gesichert, dass jeder der Ehrenamtlichen einen Paten hat, der oder die ihn oder sie zukünftig weiter unterstützt. Außerdem gibt es zukünftig eine Ehrenamtliche, die Ansprechpartnerin für alle inklusiven Belange ist und an die sich die Paten bei Bedarf wenden können. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass insgesamt der Blick der Gemeinde geschärft wurde für die zahlreichen hinzugewonnenen Fähigkeiten und eine Selbstverständlichkeit im gemeinsamen Tun entstanden ist.

Inklusionsprojekt Münsingen
Begrüßung beim Gottesdienst auf der Hopfenburg
  • Stefan Lust, Kantor der Martinskirche, beschreibt dies so: „Ich bin mit dem Inklusionsprojekt in mehrerlei Hinsicht verbunden: Gemeinsam mit Magdalena am Saxophon habe ich einige Andachten und Gottesdienste musikalisch gestaltet. Für Magdalena war dies immer ein besonderes Erlebnis, so im Mittelpunkt zu stehen. Diese Zusammenarbeit wird sicherlich auch nach Beendigung des Projektes bestehen bleiben. Ein zweites Projekt war das Schleifen und Lackieren der Chorpodeste. An zwei Tagen konnte ich mit Unterstützung von Philipp und Willi elf große Podeste bearbeiten. Für mich eine riesige Zeitersparnis und für uns alle ein großartiges Erfolgserlebnis, an das sich alle gerne erinnern. Philipp hat unter Anleitung von Annika mehrmals Plakate für Konzerte in Münsingen verteilt. Wegen der Pandemie konnte dies in den letzten Monaten allerdings nicht mehr stattfinden. Aber wir haben geplant, dies sobald als möglich wieder in Angriff zu nehmen. Außerdem sammle ich Papiere mit persönlichen Daten, welche dann in der Werkstatt an der Schanz geschreddert werden.“
  • Rita Kurz aus dem Kirchengemeinderat ergänzt dazu: „Das war für mich ein gutes Projekt. Beeindruckt hat mich besonders das an den Gaben der Menschen orientierte Denken. Danach zu fragen, was jemand kann und wie wir diese Gabe gut in unserer Gemeinde brauchen können. Durch diesen anderen Blick wurde unsere Gemeinde unglaublich bereichert. Persönlich habe ich von den Helfern aus dem Inklusionsprojekt mitgenommen, dass mit Zeit und Ruhe genauso gut, wenn nicht sogar besser ans Ziel zu kommen ist. Ich freue mich auf weitere fröhliche und unbeschwerte Begegnungen. die einem buchstäblich das Herz aufgehen lassen.“
  • Auch Robbi Manak, der Hausmeister des Gemeindehauses, hatte viele Berührungspunkte mit den Ehrenamtlichen. Er erzählt: „Durch das Projekt mit seinen, von mir ganz positiv gemeint, „Spezialisten“ wurde ich in der Zusammenarbeit mit ihnen entschleunigt. Die Spezialisten sind mir bei der gemeinsamen Arbeit wichtiger geworden, als die Materie, mit der ich als Hausmeister zu tun habe. Meine Sprache und meine Ansagen sind konkreter und verständlicher geworden. Weil ich bemerkt habe, dass lange Anweisungen nicht immer ankommen. Ich habe jetzt außerdem eine Bezugsperson, den Willi, für den ich mich verantwortlich fühle. Auf seine Art und Weise bereichert er mein Leben, und ich nehme mir gerne Zeit für ihn, auch wenn das während Corona schwierig war.“
Inklusionsprojekt Münsingen
Förderung durch die Landeskirche: Landesbischof July und Oberkirchenrat Kaufmann überreichen einen Scheck an Projektleiterin Annika Randecker
  • Tina Ziegler, die Mesnerin der Martinskirche bringt dies so auf den Punkt: „Geändert hat sich die Selbstverständlichkeit, mit der die neuen Helfer in der Kirchengemeinde dabei sind. Sie gehören einfach dazu“.

Das Projekt wurde von Beginn an von einem breit gefächerten Projektbeirat fachlich begleitet, um ein gutes Fundament zu bauen. Mitglied des Beirates waren die Einrichtungen der Behindertenhilfe und Sozialpsychiatrie vor Ort, die Stadt Münsingen, die Stiftung Zeit für Menschen sowie Pfarrer Strauß und zwei Mitglieder aus dem Kirchengemeinderat. Auch der Landesbischof und Oberkirchenrat Kaufmann statteten dem Projekt einen Besuch ab.

  • Rebecca Hummel, die im Auftrag der Stadt Münsingen das Inklusionsprojekt begleitete, sagt dazu: „Vielen Dank für das tolle Inklusionsprojekt in Münsingen. Vor allem war wichtig, zuerst danach zu schauen, was ein Mensch kann und will und nicht danach, welche Einschränkungen er hat. Es ist schön zu sehen, dass die Menschen mit Handicap sich in die Gemeinde einbringen und mit großer Freude und Zuverlässigkeit Tätigkeiten in der Gemeinde übernehmen. Mindestens genauso wichtig ist aber der Austausch der verschiedenen Akteure innerhalb und außerhalb der Gemeinde rund um das Thema Inklusion!“
Inklusionsprojekt Münsingen
Inklusionsprojekt Münsingen – wir alle sind mit dabei!
  • Die Vertreterin der Bruderhausdiakonie ergänzt: „Ich habe für mich dieses Inklusionsprojekt als eine sehr erfolgreiche Erfahrung mitgenommen: Einmal aus den einzelnen Zusammenkünften und dem guten Miteinander, durch die professionelle Begleitung von Frau Randecker und der Kirchengemeinde sowie aus den Rückmeldungen der teilnehmenden Menschen mit Behinderungen. Sie sind inzwischen sehr gut integriert und wie ich von unseren Klienten weiß, auch sehr sehr gerne dabei. Des Weiteren weiß ich von einer Person, die durch dieses Projekt in eine Gemeinschaft gefunden hat, was sonst sicher nicht so gelungen wäre. Diese Person hat auch Kontakt zu Menschen bekommen, die sie seither nicht kannte und die eine Bereicherung sind. Durch das Projekt hatte sie die Möglichkeit, sich so einzubringen, wie jeder andere Mensch es auch könnte.“
  • Britta Lucas, Werkstattleiterin der Samariterstiftung, die gemeinsam mit Pfarrer Strauß Ideengeberin für das Projekt war, führt aus: „Als ich den ersten Kontakt zur Kirchengemeinde und Herrn Strauß gesucht habe, hätte ich nicht gedacht, dass drei Jahre später ein so großartiges Projekt entstehen würde. Für all die Menschen mit Behinderung, die sich entschieden haben sich engagieren zu wollen, ist dies eine große Bereicherung.“
  • Zusammenfassend hält Pfarrer Strauß fest: „Durch das Projekt bringen sich Menschen mit Behinderung inzwischen ganz selbstverständlich mit ihren Gaben, ihrer ansteckenden Freude und ihrem Glauben in unserer Gemeinde ein und bereichern diese ungemein. Das so entstandene Miteinander lässt das Evangelium erfahrbar werden.“ Die Zitate wurden aufgeschrieben von Annika Randecker

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