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Seelisch fit: Psychisch erkrankte Menschen begegnen Schülern

„Vermeidet das, was uns passiert ist, indem Ihr Euch selbst gut findet“

„Wer gilt denn als verrückt? Kennt Ihr Menschen, die psychisch krank waren oder sind? Wie sind die Menschen mit einer psychischen Erkrankung in unserer Gesellschaft angesehen?“ Das sind Fragen beim Schulprojekt „Verrückt-Ja und!“ . Mit Unterstützung des Fonds „Inklusion leben“  gehen Menschen, die selbst von psychischer Erkrankung und/oder Sucht betroffen sind, ins Gespräch mit Schülern und Konfirmanden – und fordern die jungen Menschen an der einen oder anderen Stelle auch ganz ordentlich heraus. Ihre aufregenden persönlichen Geschichten machen den jungen Menschen Mut, auch über eigene Erfahrungen beispielsweise in der Familie zu sprechen, Rücksicht aufeinander zu nehmen und sich selbst um ihr seelisches Gleichgewicht zu kümmern. Das Projekt wird verantwortet vom Gemeindepsychiatrischen Zentrum der Diakonie-Einrichtung „eva Stuttgart“. Einblicke in einen spannenden Vormittag im Vaihinger Hegelgymnasium.

Einblicke in einen spannenden Vormittag zum Thema psychische Erkrankungen im Vaihinger Hegelgymnasium

Ruhig und gespannt sitzen 29 Schülerinnen und Schüler der Klasse acht in einem großen Kreis im Klassenzimmer. Tische sind zur Seite geräumt und auch die Lehrer haben sich in den Stuhlkreis eingereiht. Kerstin, Matthias und Andreas vom Projektteam steigen mit ein paar Fakten ein. Die Schüler reagieren prompt: „Voll krass, dass so viele einen Selbstmordversuch machen – vielleicht, weil es zu wenige Psychotherapeuten gibt, die den Menschen helfen könnten“. Und die Teamer machen Mut: „Seelische Krisen sind heute gut behandelbar“. Dann wollen sie wissen, wer schon Erfahrung mit psychischen Erkrankungen hat. „Mein Vater war in Behandlung mit Depressionen“, so ein Schüler. „Meine Oma hat gerade Demenz“, erzählt ein anderer.  Die Referenten zeigen Bilder von Prominenten und fragen, was ihnen gemeinsam ist. „Ich glaube, die waren alle seelisch krank“, fasst Matthias zusammen. „Erfolgsdruck ist ein wichtiger Faktor für eine psychische Erkrankung – und das kann jeden treffen.“ 

Redet mit jemandem, zu dem Ihr Vertrauen habt, zum Beispiel auch mit dem Pfarrer

Jetzt sind die Schülerinnen und Schüler dran mit Fragen: „was sind Anzeigen, dass man psychisch krank wird und wie kann man jemandem helfen, der eigentlich keine Hilfe will?“ wollen sie wissen. Aber auch: „Wie entsteht eine solche Krankheit, ist die plötzlich da? Und kann man sich auch selbst helfen?“. Die Teamer machen Mut: „Wir raten Euch, redet mit anderen und sucht Euch Hilfe. Redet mit jemandem, zu dem Ihr Vertrauen habt, zum Beispiel auch mit dem Pfarrer“. Mit Freunden und mit der Familie zu reden würde helfen, finden die Achtklässler. Aber einer Schülerin „würde auch in die Kirche zu gehen“ helfen. Und einfach Dinge tun, die einem gut tun, die einen ablenken können.

Mein Vater hat mein Selbstwertgefühl nicht gefördert, sondern eher runtergedrückt. Er hat sich wenig um mich gekümmert, mich nie als Menschen gesehen

Nach einer Pause legt jetzt Matthias los und erzählt aus seinem Leben. Vollkommen authentisch und offen, so dass ihm die jungen Leute förmlich an den Lippen hängen. Er berichtet von seiner Angststörung, vom vielen Adrenalin, mit dem er immer kämpfen muss. „Mein Problem ist, dass ich in Situationen Angst bekomme, in denen ich eigentlich gar keine Angst haben müsste“. Der Informatiker spricht von einer „Sozialen Angststörung“. Er habe Angst davor, was andere von ihm denken. „Ich habe immer das Gefühl, ich mache was falsch und benehme mich falsch, und dass jemand deshalb schlecht von mir denkt“. Lange habe er das nicht erkannt, obwohl das schon in der Kindheit angelegt sei: „Mein Vater hat mein Selbstwertgefühl nicht gefördert, sondern eher runtergedrückt. Er hat sich wenig um mich gekümmert, mich nie als Menschen gesehen. Deshalb bin ich auch als Erwachsener viel Kind geblieben, hatte zum Beispiel Angst, dass der Professor schlecht von mir denkt und bin deshalb nicht zu den Prüfungen gegangen“. Nach einem Tinitus sei es dann „rapide bergab“ gegangen. „Ich bin nur noch im Zimmer geblieben, habe  fast nichts mehr gegessen, hate keinen Antrieb mehr und die einfachsten Sachen sind mir total schwer gefallen“. Erst in der Klinik ist es ihm dann gelungen, sein Selbstwertgefühl zu trainieren: „Mit Verhaltensübungen habe ich meinen Selbstwertmuskel trainiert“, macht es Matthias plastisch. „Deshalb kann ich heute auch vor Euch stehen. Früher hätte ich vor jedem von Euch Todesangst gehabt“. Die Offenheit von Matthias beeindruckt und zeigt Wirkung. Denn eine Schülerin berichtet darauf hin ohne Scheu: „Ich habe richtig Panikattacken, wenn ich etwas vortragen muss vor der Klasse. Wenn es eng wird, bekomme ich Platzangst, und ich bin auch schon öfters in Ohnmacht gefallen“.

Jeder hat Verantwortung für den anderen, das beginnt schon hier im Klassenzimmer

Als zweite aus dem Team berichtet Kerstin, die seit dem Jahr 2012 die Diagnose Depression hat. „Vorher wollte ich es mir selbst nicht eingestehen“, beginnt sie ihre Geschichte. „Ich bin über Jahre gemobbt worden und habe das verdrängt, weil ich mich dafür geschämt habe. Dabei habe ich mich dann zu einer richtigen `Ja-Sagerin` entwickelt, weil es so keine Probleme gab“. Bei ihr ging es so weit, dass sie nicht mal mehr eine Banane schälen konnte und von ihrer Partner in die Klinik gebracht werden musste. „Durch Klinik, Therapie und Medikamente bin ich wieder auf einen guten Weg gekommen“. Jetzt arbeitet Kerstin als so genannte „Genesungsbegleiterin“ und macht anderen Betroffenen Mut. „Das Leben macht einfach wieder Spaß jetzt und ich lache viel mehr, also noch vor der Depression“. Wie das denn funktioniere mit einem Nervenzusammenbruch, will daraufhin ein Schüler wissen: „Kann man das als Außenstehender erkennen, ob jemand eine Störung hat?“. Ein anderer will erfahren, ob es „Situationen gibt, in denen die Angst zurückkommt“ und was man genau bei einem Therapeuten macht. Und der Lehrer macht sich schließlich für „mehr Respekt und einen fairen Umgang miteinander“ stark: „Jeder hat Verantwortung für den anderen, das beginnt hier im Klassenzimmer“.

Bei der Abschlussrunde machen die Schülerinnen und deutlich, dass sie es sehr mutig fanden, wie Matthias und Kerstin so offen und schonungslos über sich selbst erzählt haben. Sie empfanden den Umgang als sehr respektvoll und die Geschichten aufschluss- und hilfreich. Ihnen ist auch klar geworden, wie sie Veränderungen bei Freunden und in der Familie erkennen – und gegebenenfalls auch helfen können. Die meisten haben sich schließlich davor noch nie mit der Thematik psychische Erkrankung auseinandergesetzt. Der vielleicht wichtigste Tipp für die Schülerinnen und Schüler kommt am Schluss von Matthias: „Vermeidet das, was uns passiert ist, indem Ihr Euch selbst gut findet“.

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