“Wir wollen Mut machen, einfach irgendwo anzufangen”
Ein Werkzeugkoffer aus der Praxis und für die Praxis
In der württembergischen Landeskirche und ihrer Diakonie gibt es eine Vielzahl von Beratungsangeboten. Diese sind aber bisher nicht in gleicher Weise für alle Menschen zugänglich. So stoßen beispielsweise geflüchtete Menschen mit Behinderungen oder schwangere Frauen mit Beeinträchtigungen bei den bisherigen Beratungsangeboten auf Barrieren, die für sie schwer zu überwinden sind. Die Barrieren sind sehr unterschiedlich und haben vielerlei Ursachen: Körperliche Behinderungen, fehlende Sprachkenntnisse, schlechte Erreichbarkeit und anderes mehr. Bisher fehlten in der Diakonie Württemberg strukturierte Informationen darüber, wie diese Barrieren aussehen, wie häufig aufgrund von Barrieren Angebote nicht wahrgenommen werden, welche Anforderungen die Ratsuchenden mitbringen und welche Maßnahmen man konkret ergreifen kann, um Barrieren abzubauen.
Das Projekt „Barrierefrei Beraten“ hat diese Fragestellungen aufgenommen. Dank der Unterstützung durch den Aktionsplan „Inklusion leben“ konnte an den drei Standorten Blaubeuren, Heilbronn und Schwäbisch Hall der Weg zu einer barrierefreien Beratung beispielhaft beschritten werden. Aus den gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnisse ist ein „Werkzeugkoffer“ entstanden (siehe Download). „Ich wünsche mir, anderen Beratungsstellen dabei hilft, ihre Angebote für möglichst viele Menschen barrierefrei aufzustellen“, so Oberkirchenräten Prof. Dr. Annette Noller. „Darum geht es ja: Dass unsere Hilfe alle Menschen erreicht, unabhängig von Herkunft, Sprache, Alter, Geschlecht oder körperlichen Beeinträchtigungen. Denn Gottes helfende und heilende Zuwendung gilt allen Menschen.“
„Barrierefreiheit ist kein Fertig-Modell“ – Aus dem Inhalt
Der Werkzeugkoffer ist aus der Praxis entstanden und wurde für die Praxis geschrieben. Er lädt dazu ein, ein Werkzeug zu nehmen und auszuprobieren, was damit möglich ist. Dabei geht es immer um das gleiche Ziel: Beratungsangebote anzubieten, die barrierefrei für jede Person erreichbar sind. Oder anders gesagt: Jede Person, die Beratung benötigt, soll die Möglichkeit haben, Beratungsangebote wahrzunehmen, zu nutzen und davon zu profitieren. Jede und jeder – das heißt: auch der Rollstuhlfahrer, der keine Treppen steigen kann; auch die alleinerziehende berufstätige Mutter, die nur abends Zeit hat; auch der kaum Deutsch sprechende Migrant, der niemanden zum Übersetzen mitbringen kann; und auch die Arztfamilie, von der niemand erfahren soll, welche Probleme es mit den Kindern gibt.
Völlige Barrierefreiheit ist kaum zu erreichen, denn neben den offensichtlichen Barrieren gibt es auch solche, die schwieriger zu erkennen sind und sich beispielsweise hinter Strukturen oder in unseren Köpfen verbergen. Wer damit beginnt, sich mit dem Thema Barrierefreiheit zu beschäftigen, landet unweigerlich bei dem Begriff der Inklusion und stellt fest, dass es sich hier um ein hoch komplexes und umfassendes Themenfeld handelt, das sehr schnell unübersichtlich wird. Die Gefahr besteht, sich von der Größe der Aufgabe entmutigen zu lassen und das Projekt „Barrierefreiheit“ auf irgendwann zu verschieben, um auf den Zeitpunkt zu warten, an dem die dafür nötigen zeitlichen und finanziellen Ressourcen zur Verfügung stehen.
Dieser Werkzeugkoffer soll Mut machen, einfach irgendwo anzufangen, denn Barrierefreiheit ist kein Fertig-Modell, das man bestellen kann. Barrierefreiheit entsteht vor Ort. Sie entsteht Stück für Stück und muss dabei immer wieder neu gestaltet, entwickelt und erhalten werden. Es ist hilfreich, sich an den verschiedenen Handlungsfeldern zu orientieren, die in diesem Werkzeugkoffer vorgestellt werden. Die Handlungsfelder können in beliebiger Reihenfolge und jedes für sich bearbeitet werden. Genauso gut kann gleichzeitig in mehreren Handlungsfeldern gearbeitet werden. Jedes Handlungsfeld kann als ein Fach im Werkzeugkoffer bezeichnet werden, das es dem Benutzer erleichtert, einen Überblick über die vorhandenen Werkzeuge zu bekommen und Ordnung zu halten (Aus: Werkzeugkoffer Barrierefrei beraten, Seite 6).