Aufbrüche ins Quartier

Heimat für viele: Treffpunkt Eberhardsgemeinde

„Mir ist selbst schon viel geholfen worden, da möchte ich jetzt auch etwas zurückgeben“

Das Kirchencafé der Eberhardskirche hat von Montag bis Freitag jeweils von 9-12 Uhr geöffnet. In dieser Zeit kann im Foyer unseres Gemeindehauses an kleinen Cafétischen Kaffee getrunken und eine Kleinigkeit gegessen werden. Als Gäste kommen vor allem Menschen aus schwierigen finanziellen und sozialen Verhältnissen, die ganz in der Nähe Anlaufstationen haben. Aber auch Mitglieder eines Yoga-Kurses, die das Gemeindehaus nutzen und Gemeindeglieder kommen, um in freundlicher Atmosphäre einen Kaffee zu trinken und Zeitung zu lesen.

Kirchencafe Tübingen
Zufriedene Gäste Kirchencafe Tübingen

Das Besondere am Kirchencafé ist – abgesehen von den günstigen Preisen und der inklusiven Zusammensetzung der Besucherinnen und Besucher – dass Menschen, die selbst in schwierigen Lebenslagen sind, die Bedienung im Café übernehmen – neben finanziell besser gestellten Ehrenamtlichen aus der Gemeinde.

Der Fonds „Inklusion leben“ hat die Kirchengemeinde ein kleines Wagnis eingehen lassen: Zumindest drei arbeitslose Frauen aus unserem Bedienungsteam konnten auf Basis der „Ehrenamtspauschale“ angestellt und damit erstmals auch entlohnt werden. Die drei Frauen erfahren so mehr Wertschätzung , weil sie mit einem kleinen, aber verlässlichen Einkommen rechnen können – und sie gewinnen ein gutes Stück mehr Teilhabe.

Kirchencafe Tübingen
Oft gehts auch lustig zu

Ehrenamtliche erzählen

Frau Schulz, engagiert sich bereits 9 Jahre. Sie wurde in der Gemeinde konfirmiert und unterstützt die Sekretärin: „Wir haben es uns hier gemütlich gemacht, Vorhänge angebracht und Teppiche gelegt. Manchmal kommen bis zu 40 Besucher, man kann das nicht vorhersagen, das ist wie verhext. Wir achten darauf, dass alles bei uns Bio und Fairtrade ist. Alkohol ist verboten. Das durchzusetzen habe ich mich am Anfang nicht getraut, jetzt darf man aber auch mal lauter und energischer werden.“

Annemarie Jürgens ist schon lange in der Kirchengemeinde aktiv: „Ich kam zu der Aufgabe hier wie die Jungfrau zum Kinde. Ich bin gelernte Pastorentochter. Das ist eine schöne Aufgabe, die macht viel Freude, die auch bei den Gästen ankommt. Viele von ihnen verabschieden sich mit einem Danke und sind sehr zufrieden. Man merkt, dass sich manche, die sich früher hier daneben benommen haben, mit der Zeit bessern. Ich habe es von klein auf gelernt, mit Leuten zurecht zu kommen, die entwurzelt sind, die ihren Weg nicht gefunden haben, schlechte Erfahrungen im Leben gemacht haben. Es kommen Leute mit verschiedenen Lebensgeschichten. Ich freue mich, dass ich das gelernt habe, gut damit umzugehen. Wir hätten gerne noch mehr normale Gäste, die Mischung ist ja gewollt. So haben wir einen Künstler als Stammgast, ein pensionierter Lehrer sucht zur Zeit Kontakt. Die Leute trösten sich gegenseitig und verabreden sich auch. Wir kennen schon die Kunden, andere  brauchen es, dass man sie anspricht. Das ist hier ein gemeindlicher Umschlagplatz, aber bei vielen Älteren löst das auch Angst aus. Meine Erfahrung als Lehrerin hilft mir, wenn es mal eine strengere Ansage braucht.“

Kirchencafe Tübingen
Drei, die sich schon lange engagieren

Emma Hügel ist schon sechs 6 Jahre dabei: „Ich habe im Gottesdienst einen Zettel bekommen auf dem stand, dass sie Helfer brauchen. Mir selbst wurde von der Diakonie schon viel geholfen, als ich Schulden hatte. Da mir selbst viel geholfen wurde, möchte ich jetzt auch etwas zurückgeben. Ich habe nicht viel Geld, aber ich spende jetzt eben meine Zeit. Das ist auch seelisch wichtig für mich, dass man etwas Gutes tun kann, wenn die Menschen Danke sagen, es von ganzem Herzen kommt. Alkohol und Drogen sind nur ein Teil der Probleme, die die Leute mitbringen. Es kommen zum Beispiel auch Rentner, die einsam sind. Da wartet man ein bisschen ab, bis die sich wohl fühlen, und dann erst spricht man sie an. Es ist auch so, dass manche eben allein sein wollen. Man kann auch nicht alles steuern, allen ständig zuhören. Die Gäste beraten sich auch untereinander.“

Kirchencafe Tübingen
Die Ehrenamtlichen beim gemeinsamen Ausflug auf die Alb

Diakon Mehlfeld ergänzt: „Für viele ist das hier ein Stück Wohnzimmer. Hier kann man sich verabreden, aufeinander warten, ohne dass man ein eigenes schönes Zuhause braucht. Unsere Gemeinde hier tickt einfach so, dass wir viele Angebote bei Essen und Tischen machen, Begegnungsräume damit schaffen. Wir mussten aber auch schon Menschen bitten, das Café zu verlassen. Wenige können auch unausstehlich werden, wenn sie zum Beispiel ihre Medikamente nicht nehmen. Manchmal gibt es auch Stress und Leute können durchaus auch unfreundlich und beleidigend werden. Es kommen auch Konfirmanden und Eltern mit ihren Kindern, wenn sie durch die Räume müssen und auch das Café für ihre Zwecke nutzen.“

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