Ankommen, wohlfühlen, einkaufen: das Begegnungszentrum Neuenbürg
Irene Glauner und Gabi Schreiber, beide mit körperlichen Einschränkungen, engagieren sich im vor kurzem eröffneten Begegnungszentrum Neuenbürg. Dies ist eine Einrichtung der Diakonischen Bezirksstelle mit Café, Kleiderladen, Nähwerkstatt und einem Tafelladen.
Der Fonds Inklusion leben unterstützt insbesondere das Ziel, Menschen mit Behinderung und Geflüchtete fürs Ehrenamt zu gewinnen und in das Zentrum zu integrieren. Tandems von Menschen mit und ohne Behinderung unterstützen sich gegenseitig auf Augenhöhe und arbeiten gleichberechtigt im Team zusammen. Die Ehrenamtlichen können verschiedene Tätigkeiten ausprobieren, erhalten Schulungen und freuen sich über Gemeinschaft und Ankerkennung.
Tandems von Menschen mit und ohne Behinderung unterstützen sich gegenseitig
Die 62-jährige Irene Glauer engagiert sich im Second-Hand-Laden: „Vor sechs Monaten habe ich meinen Mann verloren, da ist mir alles zu viel geworden. Da hat mir Anne Pfrommer von der Ehe, Familien- und Lebensberatung, die mich in dieser schwierigen Situation begleitet, gesagt: wir machen hier ein Projekt, da kann man noch mithelfen. Das habe ich gleich angenommen und geholfen, den alten Laden auszuräumen und die neuen Sachen einzusortieren. Ich hatte ja früher selbst einen eigenen Futtermittel-Laden.
Ich bin fast jeden Montag drei Stunden ehrenamtlich hier, weil ich bin ja noch berufstätig mit meinen 62 Jahren bin. Ich habe eine Anstellung bei der Gemeinde. Ich muss noch putzen, obwohl ich eine Behinderung habe und über 60 bin. Die Behinderung kommt von der Kinderlähmung, mein linker Fuß war damals gelähmt. Das wurde später besser, kommt aber jetzt mit fortgeschrittenem Alter wieder zurück, die Schwäche und die beginnende Lähmung. Es bleibt mir nichts anderes übrig, aber ich muss mich jetzt halt vollends durchwursteln.
Manchmal hat man dann doch ein bisschen Glück, so etwas zu finden
Hier gefällt es mir sehr gut, es hat viele nette Kolleginnen. Insgesamt sind wir 30 Frauen, darunter auch eine Ehrenamtliche aus Syrien, die im Moment ihre Sprachprüfung macht. Anne Pfrommer will noch mehr Frauen für die Mitarbeit hier gewinnen, solche, die hier in den Laden oder in die Nähwerkstatt kommen. Wenn die Leute hier im Second-Hand-Laden einkaufen, dann ist es meine Aufgabe, sie zu beraten oder die Kasse zu machen, das kann ich ja durch meinen früheren eigenen Laden. Manchmal muss man auch etwas aufräumen oder sauber machen, das gehört auch dazu. Ein solches Ehrenamt wie hier kann man nur empfehlen, denn es sind sehr liebe Menschen, die auch für einen da sind. Hier ehrenamtlich zu arbeiten ist ganz einfach, weil ja viel zurück kommt. Manchmal hat man dann doch ein bisschen Glück, so etwas zu finden. Denn die erwachsenen Töchter leben doch weit weg“.
Gabi Schreiber ist 54 Jahre alt und ist mit dem Quartierszentrum als Ehrenamtliche eingestiegen: „Ich war bei Anne Pfrommer wegen eines Behindertenausweises und meiner Arbeitslosigkeit. Ich hatte zwei Schlaganfälle, und es war schwierig, hier eine Anerkennung zu bekommen vom Landratsamt. Die haben mir gesagt, nach zwei Schlaganfällen sei man noch lange nicht behindert. Da habe ich dann Zukunftsängste bekommen, konnte mich nicht gegen die Behörde wehren – und jetzt bin ich wirklich nicht mehr voll arbeitsfähig.
Anne Frommer hat mir gesagt, ich solle doch den Kopf nicht hängen lassen. Und da habe ich gefragt, ob ich etwas hier tun kann, weil sie ja Ehrenamtliche gesucht haben. Dass das geklappt hat, fand ich eine feine Sache. Meine Aufgabe ist, im Lebensmittel-Laden die Regale einzuräumen. Das sind Lebensmittel, die von anderen Läden gespendet wurden, weil sie kurz vor dem Verfallsdatum sind. Oder beispielsweise Erdbeeren, die nach einem Tag nicht mehr so gut aussehen und sich so kaum mehr verkaufen lassen. Das Brot gibt es beispielsweise für 60 Cent.
Im Moment bin ich jeden Tag hier, immer vier Stunden. Und mein Sohn ist ja schon 15, der braucht mich nicht mehr so wie früher. Ich bin auch deshalb gerne hier, weil auf einen Rücksicht genommen und man ernst genommen wird. Es ist gut, dass die Leute hier einen so nehmen, wie man ist. Und wenn man einmal nicht mehr kann, dann übernimmt einfach jemand anders spontan die Arbeit. Man hilft sich eben gegenseitig, das ist im normalen Berufsleben meistens nicht so. Und auch die Abwechslung, die man hier hat, ist wichtig.“