Der Aktionsplan

Gut unterwegs: Ergebnisse und Botschaften

Kurz-Botschaften aus dem Aktionsplan

  • Auf einem guten Weg: Nach 5 Jahren Aktionsplan ist „Vielfalt leben“ in Landeskirche und Diakonie in Württemberg angekommen. Gemeinsam sind wir vor Ort inklusive Kirche
  • Modell für gelebte Vielfalt: „Inklusion leben“ ist in Württemberg angekommen. Die strategische Umsetzung hat sich bewährt. Die Begegnungen haben reicher gemacht. Bundesweit ist der Aktionsplan ein Modell für Vielfalt.
  • Nicht von vorn beginnen: Als Kirche und Diakonie müssen wir nicht alles in Frage stellen, aber an vielen Stellen anders hinschauen, Barrieren erkennen und Teilhabe ermöglichen.
  • Kirche entdeckt sich neu : Viele Gemeinden nehmen neue Personengruppen und Partner in den Blick und entdecken, für wen sie eigentlich da sind. Um Vielfalt zu gestalten, brauchen sie weiterhin Unterstützung. 
  • Weg mit den Barrieren! „Inklusion“ leben heißt Willkommen sein. Wichtig für aktive Beteiligung ist der Abbau von Barrieren. Wichtig sind mobile Hörschleifen, leichte Sprache oder auch inklusiver Konfirmandenunterricht.
  • Verlässliche Partner im Gemeinwesen: Als Kirche sind wir in unseren Nachbarschaften gut vernetzt, gestalten und entwickeln sie inklusiv weiter. Wir sind verlässliche Teilhabe-Partner mit vertrauensvollen Beziehungen.
  • Dem Menschen gerecht werden: Wir stehen für die gleichberechtigte Teilhabe und Mitgestaltung aller Menschen an unseren Angeboten und Aktivitäten. Dabei nehmen wir Bedürfnisse und auch unsere eigenen Grenzen ernst.
  • Kleine Schritte – große Wirkung: Die Öffnung für barrierefreies Miteinander braucht viele, oft auch mühsame Schritte und langen Atem. Sie braucht die Reflexion von Haltungen und die Freiheit, Vielfalt vor Ort selbst zu entdecken.
  • Es geht nur gemeinsam: Teilhabe geht uns alle an. Wir können sie als Gesellschaft gemeinsam anpacken und leben. Gemeinden und Diakonie vor Ort machen wir Mut, miteinander einfach einmal anzufangen.
  • Neue Aufbrüche ins Quartier: Mit dem Projekt „Neue Aufbrüche – Diakonische Gemeinde- und Quartiersentwicklung inklusiv“ schreiben wir den Aktionsplan fort. Kirche und Diakonie stärken wir als gestaltende Akteure.

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Ergebnisse aus dem Aktionsplan im Überblick

Neuer Blick auf die Teilhabe aller Menschen

„Vielfalt entdecken, Teilhabe ermöglichen, Inklusion leben“ sind die Leitlinien des Aktionsplans der Landeskirche und ihrer Diakonie. Leitend in allem ist das Evangelium, das Gemeinde als Leib der unterschiedlichen Glieder lebendig sein lässt. Und das uns immer neu auf den Weg sendet, diese Zusage im Miteinander zu leben.„Inklusion ist nicht etwas, das wir als Kirche auch noch machen, sondern was uns ausmacht“, so Landesbischof July. In den Jahren 2016 bis 2020 hat der Aktionsplan dazu beigetragen, dass Kirchengemeinden und Diakonische Dienste und Einrichtungen neu ihre Chancen im Miteinander leben. Kirchengemeinden brechen neu auf und wenden den Blick auf die Teilhabe aller Menschen am kirchlichen Leben. Die strategische Umsetzung hat zu einer breiten Akzeptanz des Themas geführt und deutlich gemacht, dass Inklusion alle angeht und nur gemeinsam gelebt werden kann.

In über 200 Projekten, gefördert mit insgesamt zwei Millionen Euro, ist Vielfalt vor Ort erlebbar und bereichert nachhaltig das Zusammenleben. Bundesweit ist Württemberg ein Modell für gelebte Inklusion in Kirche und Diakonie. Als Kirche sind wir im Sozialraum gut vernetzt, gestalten und entwickeln ihn inklusiv weiter. Immer mehr Gemeinden denken darüber nach, wer sie sind und für wen sie da sind – und kümmern sich um mehr Teilhabe aller Menschen. 

Sensibilisierung: Wie geht „Inklusion leben“ vor Ort?

Zu Beginn des Aktionsplans haben Projektleiter Wolfram Keppler – oft zusammen mit Oberkirchenrat Dieter Kaufmann und anderen Mitgliedern der Steuerungsgruppe – 45 von 48 Bezirkssynoden persönlich besucht und für die Teilhabe aller Menschen am Gemeindeleben, egal ob sie behindert, arm, alt, krank oder geflüchtet sind, geworben. Viele Gemeinden haben daraufhin den Inklusions-Fonds genutzt, um ihre Angebote – oft in Zusammenarbeit mit diakonischen Partnern – zu öffnen und Barrieren aller Art abzubauen. Insbesondere für ältere, oft einsame Menschen haben sich Mittagstische oder Treffpunkte als eine passende Form der Begegnung erwiesen. Geflüchtete Menschen fühlen sich durch ihr Engagement im Quartierszentrum zugehörig und können mitgestalten. Die Beschäftigung mit leichter verständlicher Sprache oder auch der Umbau von Internet-Angeboten ist für alle wichtig, um gleichberechtigt Zugang zu Information zu bekommen.

„Für unsere Kirchengemeinde war die Aktion ein Segen und eine Möglichkeit, unseren Blick zu weiten und schärfen. Wir konnten unser Profil neu schärfen und Menschen, die aus dem Blick geraten sind, neu in den Blick nehmen.“

In Foren und Veranstaltungen zu Aspekten von Inklusion sowie Fortbildungen und Projektberatungen haben Kooperationen mit der Behindertenhilfe und Jugendhilfe, dem Landesverband Kita und dem ptz dazu beigetragen, den Blick auf Teilhabe von Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen zu schärfen und Haltungen zu reflektieren. Höhepunkt war dabei der große „Markplatz Inklusion leben“ im Hospitalhof mit rund 700 Teilnehmenden.

Weiterentwicklung inklusiver Strukturen: mehr Beteiligung und sozialräumliche Vernetzung

Wichtig war beim Aktionsplan, dass sich beispielsweise Menschen mit Behinderungen oder Menschen in prekären Lebenssituationen aktiv beteiligen können. Hier wurden vor Ort verschiedene Formate ausprobiert. Beispielsweise bei Inklusiven Fachtagungen im Stift Bad Urach, dem „Forum Beteiligung“, bei inklusiven Gottesdiensten oder der Kinder- und Jugendbeteiligung. Beim Projekt  „Alle Menschen willkommen heißen“ hat die Neue Arbeit langzeitarbeitslose Menschen mit Kirchenbesuchern zusammen gebracht. Bei „Talk inklusiv“ setzen sich Konfirmanden mit Ausgrenzung und Rassismus auseinander. Dies hat die Sichtweise vor Ort verändert: Viele Kirchengemeinden setzen jetzt bei allem, was sie planen, gleich die „Teilhabe-Brille“ mit auf und überlegen, wie sie Barrieren abbauen können und Angebote gut verstehbar machen.

Zahlreiche konkrete neue Aufbrüche in Kirchengemeinden und diakonischen Diensten haben die so überaus wirksam eingesetzten Fondsmittel von 2,1 Millionen Euro bewirkt. Mit deutlich über 200 Projekten wurden Teilhabe und Beteiligung vor Ort in vielfältigster Form gefördert und prägen nachhaltig die gemeinsame kirchlich-diakonische Wirklichkeit. Kirchengemeinden haben sich mit diakonischen Diensten miteinander und sozialräumlich in Richtung Quartiersarbeit vernetzt. Wichtige Voraussetzung für mehr Beteiligung war der Abbau von Barrieren, der insbesondere über den Einbau von mehr als 40 zusätzlichen mobilen Hörschleifen in kirchlichen Gebäuden, Nutzung leichter Sprache und der Förderung inklusiven Konfirmandenunterrichts forciert wurde. Rund 30 Konfirmandenjahrgänge profitierten vom gemeinsamen Lernen mit Jugendlichen mit Behinderungen.

„Ohne die Finanzierung durch den Fonds wäre unser Projekt nicht entstanden. Hier hat wenig Geld doch eine große Veränderung bewirkt. Darauf kann auch die Synode stolz sein.“

Neben der Förderung von ehrenamtlichen Fahrt- und Begleitdiensten, Festen, Kultur- und Begegnungsaktionen war bei den geförderten Projekten die Kooperation von Diakonie und Kirchengemeinden im Fokus. Zum Beispiel im Rahmen der Quartiersentwicklung: Hier hat man sich gemeinsam auf den Weg gemacht, die nähere und weitere Nachbarschaft zu erkunden und aktiv zu gestalten. Vor allem Kirchengemeinden haben sich so als wirksamer Akteur und Vernetzer im Gemeinwesen und verlässlicher Partner der Kommune gezeigt. Solche neuen Aufbrüche in das Gemeinwesen hinein erhöhen die Akzeptanz der Kirchengemeinden und führen viele eher distanzierte Kirchenmitglieder wieder näher an Gemeinde und Gottesdienst heran.

Inklusion als Querschnittsthema und Handlungsstrategie

Für nachhaltige Strukturen steht das Netzwerk Inklusion in der Landeskirche (NiL) unter Leitung des Landesbischofs. Im Jahr 2013 gegründet, hat es den Aktionsplan mit auf den Weg gebracht. In acht Jahren haben 15 Treffen mit jeweils bis zu 40 Teilnehmenden stattgefunden. Auf Augenhöhe ging es unter anderem um den Austausch mit armen, behinderten, langzeitarbeitslosen oder psychisch kranken Menschen. Es ist gelungen, Inklusions-Verantwortliche in der Landeskirche für die Anliegen von Inklusion zu sensibilisieren und gemeinsam an strukturellen Öffnungen und die Verbesserung der Teilhabe in der Kirche zu arbeiten. Erste Erfolge machen sich beispielsweise an der Erhöhung des Ausgleichsstocks für barrierefreie Umbauten im Höhe von fünf Millionen Euro, einem ejw-Beauftragten für Inklusion oder der Implementierung von Inklusion in den Lehrplänen der kirchlichen Hochschule fest. Im Bereich „Inklusion in der evangelischen Bildungsarbeit“ sind über das ptz alle kirchlichen Bildungseinrichtungen sowie Religionspädagogik und Konfirmandenarbeit in Qualifizierungen eingebunden. Im Rahmen des Projektes „InKLUsion“ hat der Evangelische Landesverband Tageseinrichtungen für Kinder in Württemberg mit und für evangelische Kitas eine inklusionsorientierte Praxis entwickelt.

Mit dem Projekt „Neue Aufbrüche – Diakonische Gemeinde- und Quartiersentwicklung inklusiv“ wird der Aktionsplan strategisch in Richtung Sozialraumvernetzung fortgeschrieben. Insbesondere Kirchengemeinden werden als gestaltende Akteure im Gemeinwesen gestärkt und die Zusammenarbeit mit freien diakonischen Trägern und kirchlichen Einrichtungen und Diensten vor Ort gefördert.

„Es ist total gut, wenn die Kirche solche realitätsnahen Projekte ermöglicht, die Menschen mit ihren Bedürfnissen im Blick hat. Die Kirche wird dadurch positiv wahrgenommen“

Empfehlungen aus dem Aktionsplan

1. Für eine Inklusion „mit menschlichem Antlitz“, die allen gerecht wird

Württembergische Kirchengemeinden, kirchliche Einrichtungen und Dienste sowie freie diakonische Träger haben im Aktionsplan Akzente gesetzt und sich auf den Weg gemacht. Sie haben – oftmals durchaus überraschend –  erfahren, wie Begegnungen die Menschen persönlich bereichern. Sie haben in solchen neuen Aufbrüchen nachhaltig gelernt, dass Teilhabe nicht nur Menschen mit Behinderungen, sondern alle betrifft. Im Gemeinwesen haben sie sich als verlässliche Inklusions-Partner mit einem breiten Netzwerk und vertrauensvollen Beziehungen gezeigt. Kirche und ihre Diakonie stehen in Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention für die gleichberechtigte Teilhabe und Mitgestaltung aller Menschen an den Angeboten und Aktivitäten. Denn Kirche kann nur inklusiv gedacht und in der Begegnung auf Augenhöhe gelebt werden. Viele entdecken so Kirche und Glaube neu.

„Einer Kirche, die für alle da sein will, würde es gut stehen auch wirklich Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sich alle beteiligen können. Nur eine Rollstuhlrampe zu installieren ist dabei zu wenig“

Inklusion leben ist eine Daueraufgabe. Im Aktionsplan wurde deutlich, dass

  • neben dem Abbau von Barrieren die Reflexion von Haltungen und Vorbehalten eine Aufgabe kirchlicher Bildung ist
  • wir in guten Orten, in Nachbarschaften und Quartieren als diakonische Kirche wirksam sind, indem wir Begegnung und Beteiligung ermöglichen
  • wir uns wirklich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren und sie fragen müssen, was sie möchten und wo sie Schutz brauchen

2. Für den Mut, kleine aber beständige Schritte auf dem eigenen Weg zu gehen

Die Erfahrungen auf dem inklusiven Weg zeigen auch, dass die Öffnung für ein inklusives Miteinander viele kleine Schritte und einen langen Atem braucht – und die Freiheit, selbst zu bestimmen, wie Teilhabe vor Ort gelebt wird. Es ist wichtig, hier dies als Chance zu entdecken. Man muss nichts Neues machen. Dies ist eine Entlastungsbotschaft für alle in Kirchengemeinde und diakonischen Diensten Aktiven. Aber an vielen Stellen anders hinschauen, manches anders machen, das ist wichtig. Neben Akteuren, die Inklusion zu ihrer Sache machen, braucht es aber auch den richtigen Zeitpunkt und die passende Konstellation. Die Erfahrungen machen Mut, dass es sich lohnt, sich auf den inklusiven Weg zu machen – gemeinsam mit Politik und Gesellschaft.

„Gemeinde und Kirche verlieren eine wesentliche Lebensader, wenn sie die Liebe zu denen am Rand verliert. Kirchengemeinden und die Armen gehören zusammen. „Menschen mit Behinderungen brauchen die Beziehung, um sich angenommen zu fühlen.“

Der Teilhabe den Boden bereiten. Dazu braucht es

  • Menschen vor Ort, die „etwas wollen“, andere überzeugen und mitnehmen können
  • alle gesellschaftlichen Akteure, denn Inklusion ist eine Gemeinschaftsaufgabe
  • einen offenen Umgang mit Inklusions-Grenzen. Etwa der Erfahrung, dass „prekäre Schichten und mittelschichtsorientierte Kirchengemeinden durchaus fremdeln“

3. Für einen dauerhaften Platz für Vielfalt leben in der Landeskirche

Die großzügige Projektförderung und die intensive Beratung und Begleitung beim „Fonds Inklusion leben“ hat ermutigt, erste inklusive Schritte vor Ort zu gehen und neue Personengruppen und Partner in den Blick zu nehmen. Viele Gemeinden haben neu entdeckt, für wen sie eigentlich da sind. Die im Aktionsplan eingesetzten Mittel haben großflächig Wirkung entfaltet und Kirchengemeinden, Einrichtungen und Dienste in Bewegung gebracht. Fast alle Projektumsetzer zeigen sich sehr zufrieden, auch wenn sich Kirche und Diakonie bei den gemeinsamen Schritten oft noch schwer tun. Auch wenn bei vielen Projekten nachhaltige Schritte eingeleitet sind, braucht es weiterhin Unterstützung durch die Landeskirche, damit vielversprechende Entwicklungen weitergehen und es keine Enttäuschungen gibt.

Nachhaltige Strukturen schaffen. Im Sinne einer „Selbstverpflichtung“

  • unterstützen Steuerungsgruppe und das Netzwerk NIL den Aufbau einer inklusiven Struktur in der Landeskirche, die weiterhin Mittel zur Verfügung stellt und Personen benennt, die Inklusive Vorhaben begleiten und inklusionsförderliche Strukturen vorantreiben
  • sollten gemäß dem Motto „Ehrenamt braucht Hauptamt“ Ehrenamtlichen in Kirche und Diakonie weiterhin Hauptamtliche zur Seite gestellt werden
  • brauchen Kirchengemeinden dauerhaft finanzielle Unterstützung bei der Umsetzung von baulicher und struktureller Barrierefreiheit

Fazit: Die Erfahrungen im Aktionsplan unterstreichen, dass „Inklusion leben“ Gemeinde-Entwicklung und Reform-Prozess der Kirche zugleich ist. Kirche ist in ihrer Gesamtheit nur inklusiv denk- und lebbar. Gelebte Inklusion ist Öffnung ins Gemeinwesen und Orientierung hin zu neuen Nutzergruppen – aber bei weitem noch kein „Selbstläufer“.  Wenn sie sich auf den Weg macht, dann können solche „neuen Aufbrüche“ prägend für die Kirche der Zukunft sein. „Menschen aus prekären Schichten sind berührt und überrascht, dass Kirche sich für sie interessiert. Inklusionsprojekte sind eine wunderbare Möglichkeit, den Menschen Würde zu geben“, so  Martin Tertelmann von der Neuen Arbeit.

Damit die Inklusionsbemühungen in den Gemeinden weiterlaufen, ist es erforderlich, dass dieses Thema weiterhin `Chefsache´bleibt und als solche auch weiterhin wahrgenommen wird – sonst befürchten wir, dass es in der Alltagsarbeit der Kirchengemeinden als `Thema unter vielen´ untergeht“

Wer steckt hinter „Inklusion leben“?

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